Interview mit Charlotte Høyem

Designerin Charlotte Hoyem. Copyright: Rosa&Gerlinde

Charlotte, welche skandinavischen Designer gefallen Dir besonders gut?

Arne Jacobsen und Georg Jensen.

Hast Du ein sog. Lieblingsteil von einem der beiden?

Ja, meinen Orangenschäler aus Edelstahl von Georg Jensen.

Mal etwas kommerzieller: Was hältst Du von IKEA und H&M?

IKEA und H&M haben den Kunden beigebracht, dass Skandinavien für visuell schönes Design steht, das sich im Grunde jeder leisten kann. Rein konzeptionell handeln sie aber nur mit billigen Design-Kopien. Trotzdem: H&M war der Vorbote skandinavischer Mode und hat den jüngeren Labels eine Bühne bereitet.

Welche besonderen Voraussetzungen also bietet Skandinavien einem Designer?

Die Natur, um Ruhe zu kriegen fürs Nachzudenken und um sich zu erholen. Durch die politische und materielle Unabhängigkeit der nordischen Länder hat sich vielleicht auch ein besonderer Fokus auf die Dinge des Alltags entwickelt. Gutes Design braucht Zeit und Fördergeld, diesen Luxus können nur wenige Länder bieten.

Hat sich die Modeszene dadurch in Norwegen in den letzten Jahren verändert?

Junge Leute studieren heute häufiger im Ausland und bringen Ihre Erfahrungen zurück nach Norwegen. Das trägt dazu bei, dass die Norwegische Modeszene sich weiterentwickelt und immer wichtiger wird im internationalen Zusammenhang.

Spielen dann traditionell nordische Kulturinhalte für Deine Kollektionen überhaupt noch eine Rolle?

Meine Inspirationen und Entwürfe drehen sich um ethnische und norwegische Volkstrachten. Norwegen liegt ja auf einem Berg und ich habe festgestellt, dass die meisten Bergvölker sich durch Natur und Klima in die gleiche Richtung entwickelt haben. Traditionelle Volkstrachten auf der ganzen Welt sind nach den gleichen Prinzipien aufgebaut.

Gibt es dennoch etwas Besonderes an den norwegischen Volkstrachten?

Ja, sie sind sehr aufwendig von Hand gemacht und mit vielen Stickereien geschmückt. Sie sind sehr verspielt und können deiner eigenen Persönlichkeit angepasst werden. Obwohl es viele Regeln zu beachten gibt, können gewisse Farben und Stoffe individuell sein.

Worauf wird bei der Herstellung besonders geachtet?

Der schöpferische Prozess ist eng an Material und Handwerk gebunden. Naturverbundenheit, Funktionalismus, Gebrauchs- und Wetterfestigkeit stehen im Vordergrund. Dinge müssen dem praktischen Alltag standhalten, aber trotzdem einen hohen Gehalt an optischer Harmonie aufweisen.

Du sprichst von Naturverbundenheit, was hältst Du von Nachhaltigkeit und Ethik bei der Modeproduktion?

Ökologische Produktionsweisen und faire Arbeitsbedingungen sind zwei Dinge, für die ich brenne!

Kannst Du uns dann erklären, warum der Eco-Fashion-Trend ausgerechnet aus Skandinavien kommt?

Ich denke, das Leben mit und in der Natur und ihren Gesetzen, prägt das Leben in Skandinavien generell. Das zeigt sich in der Auswahl von Materialien und bei der Produktion von Textilien. Das spielt auch bereits in der Konzeptphase eine Rolle, wenn Dinge besonders widerstandsfähig werden sollen. Aus langjähriger Erfahrung wissen die Skandinaven wie man ohne Chemie gute Ergebnisse erzielt.

Die Eco-Produktion ist teuer, wie kann ein junges Label wie Høyem da mithalten?

In der Etablierungsphase ist es für uns schwierig 100% ökologisch zu sein. Die Stoffe sind teurer und bestimmte Qualitäten schwierig zu bekommen. Zurzeit laufen wir bei den Stoff-Firmen als Kleinabnehmer und zahlen dafür teilweise 30–60% Zuschlag.

Habt Ihr Pläne?

Es ist unser ausgesprochenes Ziel zu 100% ökologisch zu werden! Ich denke, es ist möglich, wenn wir etwas größer werden und größere Mengen Stoff einkaufen, dann sinkt der Preis für den Meter ja wieder.

Und wo lasst Ihr produzieren?

Wir lassen unsere Kleider in enger Absprache in der Nähe von Berlin produzieren. Wir wissen vom ersten Entwurf über die Produktion bis zum Verkauf im Laden, mit wem wir unter welchen Bedingungen zusammenarbeiten.

Verkauft sich Deine Mode in Norwegen eigentlich genauso gut wie in Deutschland?

Sie verkauft sich besser in Deutschland, weil ich hier wohne und hier mehr mit meinen Kunden arbeite. Wenn ich in Norwegen wohnen würde, wäre es vielleicht anders.

Welches Label repräsentiert für Dich ganz besonders das skandinavische Lebensgefühl?

Marimekko aus Finnland.

Marimekko steht ja für den skandinavischen Minimalismus, der seit den 90ern immer mehr Anhänger findet. Woher, meinst Du, kommt diese Vorliebe?

Skandinavisches Design war in den 60er Jahren auch schon sehr beliebt. Durch den Internet-Boom Anfang der 90er und dem zeitgleich einsetzenden Retro-Trend entstand aber schon fast ein Skandinavien-Hype.

Und wie siehst Du die Zukunft norwegischer Mode?

Norwegische Mode war sehr lange eingeschlafen, aber in der letzten Zeit passiert viel. Kleine junge Labels springen aus dem Boden und manche haben es bereits international geschafft.

Eine letzte Frage: Liest Du Modeblogs?

Was sind Modeblogs?

(Also: Nein..) Liebe Charlotte, wir danken Dir für dieses Gespräch und wünschen Dir weiterhin ganz viel Erfolg mit Deinem Label HØYEM Oslo-Berlin.

Artikel: Julia Meyn

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